Verliert
die WestEnergie und Verkehr ihr Strom- und Gasnetz?
Seit
Mitte des vergangenen Jahres wurden zwischen den beiden
Gesellschaftern der WestEnergie und Verkehr GmbH & Co.
KG (West), das sind die Kreiswerke Heinsberg GmbH (KWH)
und die Niederrheinische Versorgung und Verkehr AG (NVV),
Verhandlungen über eine mögliche Neuausrichtung
der Kooperation zwischen der West und der NVV geführt.
Im
Wesentlichen strebt die NVV an, ihren Einfluss auf die sogenannte
„Versorgungs- sparte“ der West auszuweiten.
Hierbei handelt es sich um die Bereiche der West, die auf
die Versorgung der Bürger des Kreises Heinsberg mit
Strom und Gas abzielt, also insbesondere das Strom- und
Gasnetz. Das von Landrat Stephan Pusch mit der
NVV ausgehandelte Angebot sieht vor, dass die Versorgungssparte
der West rückwirkend zum 01.01.2008 zunächst für
die Dauer von sieben Jahren zu einem Pachtentgelt von 8
Mio. € netto/Jahr an die NVV verpachtet wird. Nach
Ablauf der sieben Jahre stehen im Weiteren dann drei vertraglich
festgeschriebene Optionen offen, von denen eine Option gewählt
werden muss:
-
Verlängerung
der Verpachtung: Der Pachtvertrag wird auf unbestimmte
Zeit fortgeführt. Das Pachtentgelt beträgt
dann jedoch erfolgsabhängig nur 4,9 bis 7 Mio.
€. Die Verpachtung kann durch die KWH mit einer
Kündigungsfrist von 2 Jahren beendet werden, jedoch
sind die KWH dann verpflichtet, ihre die Versorgungssparte
der West (d.H. Strom- und Gasnetz) entweder auf Basis
des Einlagemodells (siehe Option 2) oder des Verkaufs
(siehe Option 3) an die NVV zu übertragen.
-
Einlagemodell:
Den KWH wird eine stille Beteiligung bei der NVV eingeräumt.
Dazu bringen die KWH ihren Anteil an der Versorgungssparte
(d.H. Strom- und Gasnetz) der West als Einlage in die
Gesellschaft ein.
-
Verkauf:
der Anteil der KWH an der Versorgungssparte der West
(Strom- und Gasnetz) wird zu einem Preis von 70 Mio.
€ von der NVV gekauft.

Alle
drei Optionen haben eine Gemeinsamkeit: die KWH haben keinen
direkten Zugriff mehr auf die Versorgungssparte der West,
d.h. Strom- und Gasnetz des Kreises Heinsberg liegen nicht
mehr in öffentlicher Hand, sondern bei der NVV und
somit in der Hand des gewinnorientierten Energiegiganten
RWE.
Zwar ist theoretisch ein Rückkauf möglich, jedoch
hat die Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass sich Energieriesen
wie RWE hiergegen stets mit langwierigen Rechtsstreiten
gewehrt haben und ein Rückkauf nur zu sehr hohen Preisen
zu realisieren war.
Bemerkenswert
bei dieser „Neuausrichtung der Kooperation zwischen
der West und der NVV“ bleibt aber unabhängig
von dieser theoretischen Rückkaufmöglichkeit etwas
ganz anderes: Sollten die Kommunen des Kreises Heinsberg
das Angebot der NVV mehrheitlich annehmen, so würde
man einen Weg gehen, welchen andere Kommunen, die sich zuvor
bereits in die selbe Richtung bewegt haben, heute in zunehmenden
Maße wieder „zurück gehen“:
So
berichtet „Die Zeit“ beispielsweise in ihrer
Ausgabe 14/2008 auf Seite 24 :
“Ein
lohnender Sonderweg – überall in Deutschland
wird das Gas teuerer, nicht jedoch in Ahrensburg. [...]
Vor gut einem Jahr löste sich die Kleinstadt mit Hilfe
einer Klage aus der Abhängigkeit vom angestammten Gasversorger
E.on und brachte eine eigene Gasversorgung auf den Weg.
Jetzt, nach dem ersten Betriebsjahr des kommunalen Unternehmens,
hat sich der Ahrensburger Sonderweg als ausgesprochen lohnend
erwiesen. [...]“
Der
„Focus“ (Ausgabe 14/2008) geht auf Seite 148
sogar noch weiter:
„Während
Millionen Haushalte seit Januar schon wieder mehr für
den Brennstoff zahlen müssen, sank der Gaspreis in
Ahrensburg um immerhin fünf Prozent. [...] Das Zauberwort
heißt ´Rekommunalisierung´. Auf Deutsch:
Die Städte und Gemeinden kaufen die Strom- und Gasversorgung
von den Großkonzernen zurück.
In vielen Rathäusern zwischen Kiel und Konstanz fragen
sich angesichts ständig steigender Energiepreise die
Kommunalpolitiker, ob sie die Konzessionsverträge mit
den großen Versorgern wie RWE oder Vattenfall nicht
auslaufen lassen und selbst in das Geschäft einsteigen
sollen.“
Die
Gemeindewerke Nümbrecht berichten dazu auf ihrer Internet-Seite:
„Bereits
Anfang der 80er Jahre wurde in Nümbrecht darüber
nachgedacht, die Stromversorgung wieder in kommunale Hände
zu übernehmen. [...] Darum wagte die Gemeinde Nümbrecht
Mitte der 90er Jahre einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen
Verfügung über die Übernahme des Stromnetzes.“
Als
Ergebnis dieser Rekommunalisierung haben die Gemeindewerke
Nümbrecht nach eigenen Angaben erreicht, dass „Gewinne,
die sonst für einen großen Konzern entstanden,
nunmehr sinnvoll in der Gemeinde Nümbrecht genutzt
werden können. Inzwischen können die Gemeindewerke
Nümbrecht Aufgaben übernehmen, für die in
der Kommune keinerlei Mittel mehr vorhanden sind, z.B. die
Weihnachtsbeleuchtung.“
Angesichts dieser positiven Berichte von Kommunen, welche
ihre Strom- und Gasversorgung von den Großkonzernen
zurückgekauft haben, stellt sich die Frage, warum die
Kommunen des Kreises Heinsberg genau den umgekehrten Weg
gehen sollten.
Die
BÜRGERLISTE lehnt dies jedenfalls ab!
Aus
unserer Sicht überwiegen die Vorteile, welche ein Gas-
und Stromversorgungsnetz in kommunaler Hand haben, bei weitem
den kurzfristigen Einnahmen, welche die geplante Neuausrichtung
mit sich bringen würde. Als Beispiele für die
Vorteile seien hier genannt:
- Mehr
Wettbewerb zu Gunsten der Kunden, da neuen Wettbewerbern
der Zugang zum Versorgungsnetz erleichtert wird;
- tendenziell
günstigere Strom- und Gaspreise, da das Hauptziel
von Kommunalen Versorgern und Netzbetreibern nicht die
Gewinnmaximierung ist;
- erwirtschaftete
Gewinne kommen den Bürgern direkt zu Gute und tragen
nicht lediglich zur Gewinnmaximierung der großen
Energiekonzerne bei;
- Arbeitsplätze
entstehen direkt vor Ort und nicht irgendwo im Versorgungsgebiet
des Energiekonzerns;
Die
BÜRGERLISTE ist der Meinung, dass die sogenannte „Neuausrichtung
der Kooperation zwischen der West und der NVV“ sich
mittel- bis langfristig außerordentlich nachteilig
für die Bürger vor Ort auswirken wird und zu steigenden
Strom- und Gaspreisen führen wird. Gerade in einer
Zeit, in der Energie ohnehin insbesondere für schwächere
Einkommensschichten zunehmend unerschwinglicher wird, fällt
es aber in den Bereich der Daseinsfürsorge der Kommunen,
alles Erdenkliche dafür zu tun, die Versorgung der
Bürger mit bezahlbarer Energie sicher zu stellen. Daher
spricht die Bürgerliste sich ausdrücklich gegen
die geplante Neuausrichtung aus. Ein fairer Wettbewerb zum
Vorteil der Verbraucher kann nur gewährleistet werden,
wenn zumindest die Strom- und Gasnetze (im vorliegenden
Fall also die Versorgungssparte der West) weiterhin in kommunaler
Hand bleiben.
Nachtrag
vom 12.06.2008:
In
der Sitzung des Rates vom 11.06.2008 fand sich erfreulicherweise
keine Mehrheit für die geplante Neuausrichtung der
Kooperation der West mit der NVV. Somit werden die Vertreter
der Stadt Geilenkirchen in den Gremien der Kreiswerke Heinsberg
und der West gegen die Neuausrichtung stimmen. Jedoch kann
dies alleine die Neuausrichtung nicht verhindern, da die
Stadt Geilenkirchen nur mit ca. 9 % an den Kreiswerken Heinsberg
beteiligt ist und somit alleine nicht über die notwendige
Sperrminorität von 25 % verfügt. Es ist daher
notwendig, nun alle Energie darin zu investieren, auch andere
Kommunen des Kreises von einem Negativvotum für die
geplante Neuausrichtung zu überzeugen.
Nachtrag vom 20.06.2008:
Wie
die Geilenkirchener Zeitung in ihrer morgigen Ausgabe (21.06.2008)
berichten wird, ist nach zustimmenden Beschlüssen der
Städte Erkelenz, Übach-Palenberg, Wassenberg,
Wegberg, Selfkant Waldfeucht und Niederkrüchten sowie
des Kreises Heinsberg die notwendige 75prozentige Mehrheit
leider erreicht worden und somit die Neuausrichtung der
Kooperation nicht mehr zu verhindern. Die BÜRGERLISTE
bedauert dies sehr und stellt fest, dass der Bürger
hier nun wieder einmal den Kürzeren vor den Interessen
der Wirtschaft ziehen musste.
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Links
zum Thema
>
Bericht
in der Geilenkirchener Zeitung online vom 17.06.2008
>
Bericht
in der Geilenkirchener Zeitung online vom 21.06.2008
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